Joachim Kerzel liest – Die Säulen der Erde

Ken Folletts „Die Säulen der Erde“ ist massiv. Auf knapp 1.300 Seiten wird eine 50 Jahre andauernde Geschichte erzählt. Die offizielle Kurzbeschreibung der Handlung:

England 1123-1173, eine Zeit blutiger Auseinandersetzungen zwischen Krone und Adel, Klerus und Volk. Der junge Prior Philip träumt von einem Zeichen des Friedens, von einer gotischen Kathedrale. Doch bis der kühne Traum Wirklichkeit geworden ist und in Kingsbridge das großartige Gotteshaus endlich emporragt, müssen der Klosterherr, sein Baumeister Tom und die Grafentochter Aliena sich in einem Kampf auf Leben und Tod gegen ihre Widersacher behaupten.

Als Hörbuch veröffentlichte Lübbe Audio 1997 eine gekürzte Fassung. Sprecher Joachim Kerzel habe die über 14 Stunden innerhalb einer Woche eingelesen, behauptet der Verlag. Das bedeutet entweder eine sehr konzentrierte und nahezu fehlerfreie Leistung, oder eine enorme Ausdauer von Sprecher und Aufnahmeleitung.

"Die Säulen der Erde" als Audio CDs aus dem Lübbe Audio Verlag
„Die Säulen der Erde“ als Audio CDs aus dem Lübbe Audio Verlag

Ich gebe zu, es hat eine ganze Weile gedauert, ehe ich mich nach der geschriebenen Fassung an die Hörbuchadaption getraut habe. Follett hat in „Die Säulen der Erde“ ein großes Talent zur Schau gestellt, sehr detailiert zu schreiben. Figuren, Handlungen und Umgebungen könnten einzeln auch von Kindern nachvollzogen werden. Allein die Fülle macht es für jeden Leser komplex. Wo es für unkonzentrierte Leser in Langeweile umschwenken kann, fand ich das Endergebnis äußerst faszinierend.

Und dann kommt das Hörbuch, gekürzt, noch oben drauf. Auch wenn ich einige Befürchtungen hatte, was meine Begeisterung angeht, so hat sie vor allem Joachim Kerzel beseitigt. Seine Stimme, tief, prägnant, rauh, passt wunderbar auf Ken Folletts Vorlage. Wie der Autor wird Kerzel niemals Teil der Geschichte, sondern wirkt als präziser, geduldiger Erzähler. Als Präsentator mehrerer komplexer und langandauernder Konflikte über den Bau einer Kathedrale.

Dabei hat Joachim Kerzel auch die gleichen Hürden zu nehmen, die der Roman an sich hatte. Selbst auf 14 Stunden heruntergekürzt, wirkt das Endergebnis stellenweise enorm komplex. Verliert man den Faden, dürfte es schon an der einen oder anderen Stelle Schwierigkeiten geben, die Handlung nachzuvollziehen. Doch das ist nicht Kerzels Verschulden. Seine Erzählung ist so kurzweilig wie nur eben möglich.

Kerzels Fassung wirkt wie ein Best-Of der Handlung, fast wie ein Director’s Cut, der die Highlights der Adaption hervorhebt, ohne wesentliche Dinge wegzulassen. Es macht Spaß ihm zuzuhören. Drei, vier Stunden am Stück, oder nur auf der halben Stunde während der Heimfahrt von der Arbeit. Die detailierten Beschreibungen der Vorgänge machen das erneute Einsteigen sehr leicht. Wer wirklich alles hören will, ist mit Audibles Gesamtfassung, von Tobias Kluckert eingesprochen, gut bedient. Wer als Kind es faszinierend gefunden hat, von seinem Vater oder Großvater Geschichten vorgelesen zu bekommen, dem bleibt mit Joachim Kerzels Fassung ein großartiges Hörbuch.